Dunkelheit

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Sie hatte keine andere Idee, als in die dunkle Nacht zu starren.

Der Himmel war sonderbar leer von Sternen, der Mond war nicht zu sehen. Es gab nichts als die einfache, absolute Finsternis vor ihrem Fenster.

Dennoch (oder gerade deswegen?) hatte dieser Nichtanblick etwas sehr beruhigendes auf Ngara Sobbuko. Es hatte, wie sie fand, etwas zutiefst urwüchsiges, geradezu Traditionelles. Wenn sie, weit abseits der modernen Welt, diese urafrikanische Finsternis betrachtete, dann fühlte sie sich geborgen. Die Dunkelheit erinnerte sie an frühere Tage, im Schoß der eigenen Großfamilie, wenn die Stammesältesten Geschichten erzählten aus der Vergangenheit: Erlebte Ereignisse, manchmal auch Legenden, oder eine Mischung aus beidem. Damals war sie in Afrika gewesen, viel mehr als heute. Heute war sie in einem fremden Land, auch wenn es immer noch das Land ihrer Ahnen war. Aber wie verändert war es, wenn am Tage die Sonne schien! Wahrscheinlich liebt sie sie deshalb so, die Nacht. Sie schenkt ihr die Illusion, wenigstens für ein paar Stunden, daheim – nein: zu Hause zu sein.

Sie spazierte durch das kleine Dorf, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte. Niemand war wach, alle schliefen. Damals, als sie noch ein Kind gewesen war, hätte sie einen solchen Ausflug niemals gewagt. Viel zu groß wäre ihre Angst gewesen vor den Geistern der Savanne, von denen die Alten nachts am Feuer erzählt hatten. Entweder, die Geister raubten die Seelen der kleinen Kinder, oder der König der Savanne tat es, der mächtige Löwe. Genügend Schreckgestalten, um ein kleines Mädchen des Nachts in der elterlichen Hütte zu bannen.

Heute hatte sie keine Angst mehr vor Geistern, auch nicht mehr vor dem mächtigen Löwen. Sie liebte es, wenn die Hitze des Tages abgeklungen war und sie in aller Ruhe ihren Gedanken nachhängen konnte. Wer hätte damals, als sie als Kind noch durch diese Gassen streifte mit den anderen Kindern des Dorfes, wohl gedacht, was aus ihr einmal werden würde? Man konnte sagen, sie hatte es geschafft. Mit dreizehn Jahren hatte sie den großen Schritt gewagt und die Gelegenheit genutzt, zu Onkel und Tante in die  Hauptstadt zu gehen und dort eine höhere Schule zu besuchen. Es waren seitdem viele Nächte vergangen, hell erleuchtete, neonblaue, –gelbe und –rote Nächte, ohne ihre Eltern, ohne eigene Gedanken, dafür auch ohne Savannengeister, sondern mit Coca Cola, Nokia und Panasonic. Aber sie hatte es am Ende geschafft. Jetzt war sie eine ausgebildete Journalistin mit Diplom und sogar mit einer Festanstellung als Korrespondentin bei der Redaktion eines internationalen Reise- und Wissensmagazins.

Sie konnte es kaum glauben, dass sie jetzt wieder hier war. Mit dem offiziellen Auftrag, etwas über das Leben in ihrem Dorf zu berichten. Sie würde über die Dunkelheit schreiben, die so schnell einsetzte und so unvermittelt durch das Tageslicht abgelöst wurde.

Als die Dämmerung kam, war das erste, das sie sah, der mächtige Löwe, der keine drei Schritte von ihr entfernt auf sie gelauert hatte. Sie konnte es kaum glauben, doch das letzte, was sie sah, war der mächtige Löwe, vor dem sie jetzt keine Angst mehr hatte.

(c) 2009, Andreas Galk. Alle Rechte vorbehalten. Keine unerlaubte Weiterveröffentlichung. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Autors.