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EINE GESCHICHTE ÜBER WEIHNACHTEN

(c) Andreas Galk, 2013

 

Wenn ich an die vergangenen Weihnachten denke, dann kommt mir zuerst eins in den Sinn. Schnee! Nein, nicht diese paar Flocken, die man heute manchmal am Fenster vorbeiziehen sieht. Der Schnee aus meiner Weihnachtserinnerung ist 30 cm hoch, man konnte riesenhafte Schneemänner bauen, und trotzdem schimmerte nirgends der Rasen darunter vor. Und unsere Schneemänner von damals, die blieben stehen, und waren nicht schon nach zwei oder drei Tagen zu kümmerlichen und mehr oder weniger schmutzigen Klumpen verschmolzen wie heute. Schnee im Überfluss, das war nicht nur Weihnachten, sondern auch bereits der Advent: Advent damals, das war zur Schule stapfen, und auf dem Heimweg gab´s eine Schneeballschlacht. Jeden Tag, zumeist bei strahlendem Sonnenschein.

Das zweite, an das ich mich intensiv erinnern kann, sind die Unmengen von Zeit, die wir damals hatten. Nach meiner heutigen – subjektiven – Empfindung hatten wir mindestens zwei Monate lang Ferien. Das stimmt natürlich nicht, aber mir kam es tatsächlich so vor. Zeit zum Plätzchen backen, zum Schmücken der Wohnung und zum Singen von Adventsliedern, die wir auswendig kannten und ganz freiwillig, ja sogar gerne intonierten. Niemand machte sich in den 70er Jahren um die ökologischen Folgen Gedanken, wenn es darum ging, einen Tannenbaum zu besorgen. Verglichen mit den lächerlichen kleinen Ablegern von heute – mit Wurzel, die beinahe genau so groß sind wie die Bäumchen selbst – waren unsere Bäume an den früheren Weihnachtstagen mächtige Waldriesen gewesen, mit reichlich Lametta, filigranen (und wahrscheinlich äußerst kostbaren) Weihnachtskugeln. Irgendwann wurden die Wachskerzen dann durch eine elektrische Lichterkette ersetzt, unsere war von Philips, und auch da hieß die Devise: Nicht kleckern, sondern klotzen. Man musste immer eine Kerze „ausdrehen“, um die gesamte Beleuchtung auszuschalten, und ein beliebter Kinderscherz war, immer eine andere Kerze dafür auszuwählen, so dass Mama jeden Morgen wieder danach suchen musste, um den Baum ans Leuchten zu bekommen.

Zu uns kam tatsächlich zum Nikolausfest der Nikolaus – das damals noch nicht „Noel“ hieß oder Weihnachtsmann, und er hatte auch keinen Coca Cola – Truck, er kam nicht den Kamin hinunter gestiegen – für die späten 70er Jahre kann ich mich zumindest in meinem Fall dafür verbürgen, dass der Nikolaus ganz einfach durch das Treppenhaus zu unserer Haustür herauf gestiefelt kam, die Türklingel betätigte, und dass dann irgendein Erwachsener sehr laut – verdächtig laut - verkündete: „Oh, wer mag das denn sein? Wir erwarten doch gar keinen Besuch?!“ -  und dann, sobald die Tür geöffnet war: „Oh, der Nikolaus. Das ist aber eine Überraschung, Herr Nikolaus. Kommen Sie doch herein, sie wollen doch bestimmt zu den Kindern?!“ – das waren wir, die wir unterdessen im Wohnzimmer mit vor Überraschung geweiteten Augen jedes Mal fast einen Herzschlag bekamen.

Pünktlich mit dem ersten Advent änderte sich das Musikprogramm in unserem Hause, wir hörten den lieben langen Tag Advents- und Weihnachtsmusik von Schallplatte. Die bei uns beliebtesten Platten spielten Adventslieder von Peter Alexander und Heintje. Die eine Platte mit dem Glockengeläut blieb noch im Schrank, und es war streng verboten, sie vor Heiligabend auch nur in die Hand zu nehmen. Peter Alexander sang „Morgen, Kinder, wird´s was geben“, und wir entpackten dazu die sorgfältig eingewickelten Krippenfiguren und stellten sie in den liebevoll in Handarbeit zusammengebauten Holzstall. Wir hatten einen Schokoladenadventskalender und durften die Schokoladenglöckchen und –engelchen ohne schlechtes Gewissen naschen – ob das damals gesünder war als heute, muss bezweifelt werden. Nie wäre jemand auf die Idee gekommen, uns dafür zu tadeln, aus dem Adventskalender zu naschen – oder uns vorzuschreiben, wann genau man das Fensterchen zu öffnen hatte. Ich erinnere mich aber, dass die kleine Schokoladenportion auch keinerlei Auswirkungen auf meinen Appetit auf das Mittagessen hatte.

Der Nikolaus wusste meistens genauestens über uns Bescheid, was seine wirklich wahre Existenz unzweifelhaft bewies: Wäre er bloß ein verkleideter Onkel gewesen, oder ein Nachbar, zum Beispiel: Woher hätte er dann alle unsere kleinen Geheimnisse wissen können? Einschließlich unserer kleinen (und größeren) Wünsche? Denn schließlich brachte er immer etwas mit, der gute Mann, jede Menge Süßigkeiten, Obst, Nüsse, aber auch immer ein „richtiges“ Geschenk, und damit traf er verblüffend oft ins Schwarze. Natürlich bekam man erst mal überhaupt gar nichts. Erst musste ein Gedicht aufgesagt werden – doch das war kein Problem für uns Kinder von damals, schließlich mussten wir jedes Jahr in der Schule Nikolausgedichte auswendig lernen und vor der Klasse aufsagen. Niemand schämte sich dafür, das gehörte einfach dazu. Und so haben wir uns schließlich unsere Nikolausgeschenke redlich verdient, damals. Und waren anschließend so sehr damit beschäftigt, dass nie jemand auf die Idee gekommen ist, nachzusehen, wohin der Nikolaus danach wieder abzog. Wir gingen wahrscheinlich davon aus, dass er ja noch jede Menge andere Kinder zu beschenken hatte. Kein Erwachsener kam je auf die Idee, uns – etwaigen Zweifeln vorgreifend – irgendwelche fadenscheinigen Begründungen oder Erklärungen für dieses kleine Wunder aufzudrängen. Wir fragten nicht danach, weder uns selbst noch die Erwachsenen. Schon gar nicht fragten wir den Nikolaus persönlich danach, wo er herkam, wo er hinging, oder wieso er genau die gleichen Schuhe trug wie Onkel Günther. Das war einfach so.

Überhaupt, die Geschenke: Wir verfassten damals nicht lange Listen mit Bestellnummern, sondern ganz altmodisch Wunschzettel, und die waren ans Christkind adressiert (wieder nicht an den Weihnachtsmann). Das Christkind wohnte noch nicht am Nordpol, sondern postlagernd. Und weil die Wunschzettel ans Christkind gingen, mussten sie auch rein äußerlich schon ein bisschen was hermachen. Ich notierte meine Weihnachtswünsche auf echtes Briefpapier, dazu zeichnete ich den geschmückten Weihnachtsbaum, einen Schlitten mit Geschenken, einen Weihnachtsstern und ähnliche weihnachtliche Accessoires. Das Christkind musste sich ja eine ungefähre Vorstellung darüber machen können, wie es bei uns aussah – um die Geschenke dann auch richtig positionieren zu können vielleicht…

Am Vormittag des Heiligen Abends war das Wohnzimmer dann Sperrgebiet, die getönte Glasscheibe in der Wohnzimmertür mit Decken verhangen. Für mehrere Stunden war man auf sich allein gestellt, denn dort drinnen schmückte Mama zusammen mit dem Christkind den Weihnachtsbaum. Unterhaltungen zwischen den beiden konnte ich nie mit anhören, die beiden hörten Peter Alexander. Aber ich wusste, dass wenn am Abend das Glöckchen läutete, das Wohnzimmer in einem beinahe übersinnlichen Glanz erscheinen würde. Es spielte die Weihnachtsplatte mit dem Glockenläuten. Bescherung. Bewunderung für den noch vor kurzem so unscheinbar wirkenden Mammutbaum, der jetzt in aller Pracht auszurufen schien: Es ist Weihnachten.

 Unsere Weihnachtsgeschenke haben wir Kinder in der Schule gebastelt.  Vom ganzen Stress der Weihnachtseinkäufe haben wir nichts mitbekommen, mit der einzigen Ausnahme eines Familienausflugs in das niederländische Venlo, weil es sich offenbar einfach lohnte, in Holland einzukaufen, wenn man Lebensmittel im großen Stil einkaufen wollte – lange vor Lebensmittelskandalen, der Währungsunion und der globalen Marktwirtschaft, wie wir sie heute kennen. Merkwürdigerweise kommt es mir heute weitaus stressiger vor, im Supermarkt um die Ecke die letzten Besorgungen zu machen, als der Trip nach Holland, damals.

Und dann die Geschenke selbst, die sich für uns unter dem Weihnachtsbaum fanden: Statt eines Keyboards gab es das Stylophon, einen bizarren Apparat mit einer metallischen Klaviatur, die (einstimmig) mit einem Metallstab gespielt wurde und soundmäßig an die ersten Handy-Klingeltöne erinnerte. Kein geringerer als der große Bill Ramsey machte dafür im Fernsehen Werbung. Wahrscheinlich waren 16 Batterien notwendig, um das Ding zum Klingen zu bringen, aber damals kannte man das schlechte Gewissen noch nicht, das uns heute befällt, wenn wir ein Gerät mit Batterien betreiben müssen. Überhaupt waren elektronische Spielsachen auch zu meiner Kinderzeit bereits der Renner. Es gab zwar noch keine Playstation (ein Arcade-Telespiel habe ich nie bekommen), dafür gab es Senso, diesen blinkenden Kasten, der ein bisschen an eine futuristische Ampel erinnerte. Ich bekam auch mal ein ferngesteuertes Auto geschenkt, das noch über ein Kabel mit der Steuereinheit verbunden war, so dass man die ganze Zeit hinter dem Auto herlaufen musste, wenn man damit spielte (allzu enthusiastisch durfte man dabei allerdings nicht zu Werke gehen, denn das Kabel war nicht besonders lang, und es hätte leicht passieren können, dass man bei allem Übermut auf das Auto draufgetreten wäre).

Unsere World-of-Warcraft-Actionfigur hieß Big Jim und war von Mattel – neben MB und Parker eine der großen Weihnachtsgeschenkeproduzenten unserer Zeit. Naja, und Matchbox natürlich, später sogar Hot Wheels. Big Jim jedenfalls war in einer Zeit noch vor den südostasiatischen Weichmacherchemikalien erstaunlich beweglich, und er war erheblich cooler als Barbies Ken – Big Jim war ein richtiges Jungenspielzeug. Er hatte ein Actionfahrzeug, coole Actionklamotten, und – alle Kinder, bitte weghören – sogar Waffen. Niemand machte sich Gedanken darüber, dass der beschenkte Knabe gleich nach Weihnachten zu einem Amoklauf durchstartete, weil sein Big Jim ein doch sehr bedenkliches Waffenarsenal in seinem Geländewagen aufbewahrte. Damals noch nicht.

Ich kann mich an eine nicht kleinerwerdenwollende, schier unerschöpfliche Ansammlung von skurrilen, nostalgischen, ja zum Teil (auch heute noch) unglaublichen Weihnachtsgeschenken erinnern, die man mir über die Jahre zuteil werden ließ – oft, weil ich sie mir gewünscht hatte, manchmal auch, weil man wohl davon ausging, dass ich sie gut gebrauchen könnte. Auf jeden Fall, und dafür verbürge ich mich, kamen alle diese rührenden (und zum Teil auch seltsam anmutenden) Dinge von ganzem Herzen.

Eine Sofortbildkamera. Einen sich auf Rollen bewegenden Roboter mit eingebautem Monitor, auf dem eine Art Weltraumsimulation zu sehen war (8 Batterien). Eine Dardabahn. Fischer Technik (Basiskasten 100). Playmobil. Ein Playmobil-Haus. Weiße Playmobilfiguren zum Bemalen, dazu Stifte, die heute definitiv unter das Betäubungsmittelgesetz fallen würden. Eine Eisenbahn (Spur HO) in fertig aufgebauter Miniaturlandschaft. Eine andere Eisenbahn (Spur 1), beides natürlich von Märklin.  Einen Bagger mit Motor von Lego-Technik (2 Batterien). Bücher und Hörspielcassetten (vorzugsweise von den drei ???).

Dann das Weihnachtsessen. Klöße. Rotkohl. Braten oder Gulasch. Manchmal auch Fondue. Sogar eine besondere Vorsuppe gab es. Köstlichkeiten, die nur für einen einzigen Abend im Jahr reserviert zu sein schienen. Oder vielleicht noch für den darauffolgenden Mittag, wenn die übrige Familie zu Besuch kam.

Am Morgen des ersten Weihnachtstages stand ich meist früh auf und bespielte meine Weihnachtsgeschenke. Später dann, ab dem Mittag, feierten vor allem die Erwachsenen ihr Weihnachtsfest, wieder ein Festessen, nochmal Peter Alexander, , wieder eine beträchtliche Anzahl von Geschenken. Und spätestens am frühen Abend war die Wohnung geschwängert mit Schwaden von Zigarrenrauch und dem Hauch von Mariacron – zwei unmissverständliche Indizien für Verwandtschaftsbesuch, da bei uns zu Hause normalerweise beides nicht konsumiert wurde.  

In unserer wie in jeder anderen Familie gab es feste, unumstößliche Weihnachtstraditionen. Sie muteten mir als Kind wie Naturgesetze an und änderten sich nie, jedenfalls damals. Bestimmt gehörte auch ein Weihnachtsgottesdienst dazu, aber seltsam, so sehr ich auch versuche, mir konkrete Bilder in den Kopf zu rufen, es will mir einfach nicht gelingen. Natürlich wussten wir Kinder, dass an Weihnachten die Geburt von Jesus Christus gefeiert wurde. Und hätten wir es je vergessen, dann hätte uns die liebevoll aufgebaute Krippe unter dem Baum sachte daran erinnert.

Doch trotzdem ist das Weihnachtsfest meiner Erinnerung das Fest vom Christkind, das Fest der Familie, das der Bescherung und der Geschenke, und vor allem das Fest der Zeit mit der Familie.

Heute denke ich manchmal wehmütig an diese Zeit zurück, in der es an Weihnachten noch Schnee gab. Hat das Fest der Feste seinen Zauber etwa verloren? Ich schaue auf die Kinder von heute, und ein Gefühl des Bedauerns schleicht sich ein. Weil sie weder Schnee noch Zeit haben, um sich auf Weihnachten vorzubereiten. Weil sie meist schon lange vorher wissen, was das Christkind ihnen bringen wird. Weil sie wissen, dass das Christkind ein Hirngespinst in den Köpfen ihrer Eltern ist. Weil sie keine Weihnachtsgedichte, sondern chemische Elemente in der Schule auswendig lernen müssen (wenn sie überhaupt etwas auswendig lernen müssen) und niemals in der Schule irgend etwas basteln. Weil ihre Eltern keine Zeit finden, mit ihnen Adventslieder zu singen. Weil sie den Weihnachtsbaum selbst schmücken, lamettafrei, dafür mit Wurzel. Weil sie nicht Peter Alexander hören, sondern mit „Last Christmas“ von „Wham!“ beschallt werden. Weil die Weihnachtszeit mit Marzipan und Spekulatius in den Geschäften heute bereits im Oktober beginnt. Weil der Weihnachtsmann dem Nikolaus den Rang abgelaufen hat und mit dem Coca Cola – Truck daherkommt, anstatt mit dem Auto von Onkel Günther.

Doch manchmal überkommt mich dann ein Gedanke, eine Idee für eine besondere Weihnachtsüberraschung zum Beispiel. Dann sehe ich die vor echter Freude glänzenden Kinderaugen vor mir, und freue mich selbst wie ein Kind auf den Heiligen Abend, wenn es soweit ist.

Und ich denke „Ho ho ho“ – und in meinem Kopf singt Peter Alexander „Wunderschöne Weihnachtszeit“. 

 

(c) Andreas Galk, 2013 - Abdruck (Print), auch auszugsweise, nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Autors.