In der Nacht

 

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Anne-Fleur war in der Tat ein wenig aufgeregt. Es war das erste Mal, dass sie so spät unterwegs war. Sie hatte keine konkrete Idee darüber, warum sie das tat – im Grunde hatte es sich einfach so ergeben. Sie hatten zusammen gegessen, geredet, gelacht, auch etwas getrunken. Oh, alkoholische Getränke waren zu einer Seltenheit geworden in ihrem Leben. Und dann war es plötzlich und ganz auf einmal spät geworden und sie hatte los gemusst. Sicher, vielleicht hätte sie bleiben können, über Nacht, ein Bett, ein Sofa oder etwas in der Art hätte sich schon gefunden. Doch sie wollte nach Hause. Morgen früh musste sie zur Arbeit. Die Kinder mussten versorgt werden, wenn sie auch natürlich nicht zur Schule gingen. Und die Nacht tat ihr gut. Sie hatte den Eindruck, als ob die Nacht in gewisser Weise das am Tag Geschehene schlucken würde, ja als würde sie einfach in sich aufsaugen, was in der Stadt heute Unrechtes geschehen war, und es ungeschehen machen.

Es ging schon viel besser. Jetzt war auch die Angst beinahe verflogen. Mit jedem Schritt ein bisschen mehr. Sie blickte hinauf zu den Sternen.

 

Es war eine klare Nacht. Auch der Himmel hatte etwas außergewöhnlich Beruhigendes an sich. Sie konnte den großen Wagen sehen, oder war es der kleine? Ihr Vater hatte ihr einmal die Sterne erklärt. Sie hatte auf seinem Schoß gesessen, und er hatte auf einzelne Sternenbilder gezeigt und diese wunderbaren fremd klingenden Namen gesagt. Sie dachte noch heute an ihn, sobald sie eine dieser fernen Konstellationen erkannte und beim Namen nennen konnte. Beinahe hätte sie sich verloren in diesem überwältigenden, übermenschlichen Anblick, in diesem wundervollen und göttlichen Sternenmeer. Beinahe wären ihr diese beiden Männer nicht aufgefallen, die plötzlich von der anderen Straßenseite auf sie zukamen. Sie waren aus der Gaststätte gekommen, deshalb hatte sie sie zu spät bemerkt. Sie gingen nicht einmal zielstrebig, ja sie schlenderten eher zu ihr herüber, als genossen auch sie die milde Nacht, und als ob sie es bloß auf einen kleinen nächtlichen Plausch abgesehen hätten, ein nachbarliches Gespräch über die Sternenkulisse vielleicht.

Als sie sie kommen sah, war es schon zu spät gewesen. Als sie sie kommen sah, da wusste sie instinktiv, dass sich ihr ganzes Leben in dieser Nacht ändern würde. Wesentlich und endgültig verändern würde.

Ob er ihren Pass sehen könnte, fragte der eine. Natürlich hatte sie einen Pass.

Für einen kurzen, surrealen Augenblick lang glaubte sie, alles würde gut gehen. Sie würden den großen Stempel, der eine ganze Seite des Ausweispapiers einnahm, schon nicht bemerken. Dieser verfluchte Stempel, der so aussah, als wolle er ihren amtlichen Pass auf eine brutale Art entwerten, wenn nicht zerstören.

Der erste Mann gab ihren Pass an den zweiten weiter. Ob sie wisse, dass es eine nächtliche Ausgangssperre für jüdische Mitbürger gebe?

Ja, antwortete sie wahrheitsgemäß.

Ob sie bereit wäre, die beiden Männer auf die Wache zu begleiten?

Ja, gab sie wie im Trance zurück.

Gestapo, sagte der Wirt, der hinter dem Vorhang durch das Fenster die Szene beobachtet hatte. Kontrollieren heute Nacht.

Daheim wurde eins der Kinder wach und rief nach seiner Mutter.

(c) 2009, Andreas Galk. Alle Rechte vorbehalten. Keine unerlaubte Vervielfältigung oder Weiterveröffentlichung.